Im Zeichen des Kreuzes
Ein qualvolles und recht einsames Ende scheint das Jesusprojekt mit dem
brutalen Tod am Kreuz gefunden zu haben. Inmitten von Verbrechern, von
allen verlassen, auch von Gott, stirbt Jesus einen grausamen Tod. Verzweif-
lung und Sinnlosigkeit machen sich unter seinen Anhängern und Anhänge-
rinnen breit, die erst mit der Auferstehung am dritten Tag nach seinem Tod
die Erfahrung machen: Es war doch nicht alles umsonst. Die Botschaft
Jesu ist nicht gescheitert.
Der Katastrophe am Kreuz eine sinnstiftende Deutung zu verleihen, damit
haben sich seit der ersten Gemeindebildung sowohl die Schreiber der
Evangelientexte, Paulus, und dann Kirchenlehrer und Theologen beschäftigt.
Zum Kennzeichen des Christentums wurde das Kreuz allerdings erst mit der
Anerkennung als Staatsreligion im 4. Jahrhundert. In den ersten Gemeinden
wurde es möglicherweise noch zu sehr mit der Katastrophenerfahrung vom
Kreuzestod Jesu in Verbindung gebracht, als dass man es zum Zeichen
christlicher Gemeinschaft erklärt hätte. Und wer sich mit Jesus solidarisch
zeigte, gar seinen Tod als Unrecht nageklagt und damit ein auf Unterdrückung
und Gewalt basierendes Herrschaftssystem entlarvt hätte, dem drohte Gefahr.
Schweigende Anpassung und Unterordnung waren das Gebot der Stunde.
Im Laufe jahrhundertelanger Rezeptions- und Interpretationsgeschichte rückte
das Kreuz mitsamt seinem Glaubensgeheimnis stärker in den Mittelpunkt und
ließ die historische Wirklichkeit immer mehr in den Hintergrund rücken. Und
gerade den Kontext der Kreuzigung Jesu, die damit verbundenen Machtinte-
ressen und das angstgetriebenen Schweigen der Jünger, gilt es wieder in den
Blick zu nehmen und uns die Frage zu stellen: Wo sind unsere Stimmen als
Christen gegen das weltweite, zum Himmel schreiende Sterben? Sei es das
Sterben in zahlreichen Kriegen, sei es gegen das Sterben von Kindern an
Hunger und Unterernährung, gegen die ansteigenden Zahlen der Femizide,
wo Frauen und Mädchen getötet werden, weil sie Frauen sind, gegen den
Ökozid, die rapide Zerstörung der Natur..........
Um eine Kultur des Lebens, ein gewaltfreies Miteinander zu schaffen, das das
Sterben der anderen nicht im stummen Verharren hinnimmt, dafür braucht es
gerade auch heute mutige und entschiedene Menschen. Lassen wir uns von
der Karfreitagsbotschaft inspirieren, hinzuschauen, den Finger in die Wunden
zu legen und die mitunter stummen Schreie der aus dem Leben Gedrängten
laut werden zu lassen.
(Aus dem Misereor Fastenkalender)