Bischofswort zum Ansgarfest 2026
Liebe Glaubende im Erzbistum Hamburg!
Proexistenz – ein wichtiger theologischer Begriff. Er besagt: Keiner von uns tut
einen Dienst für sich, lebt für sich selber (vgl. Röm 14,7 f), sondern stets für andere.
Als Christen sind wir immer Menschen, die proexistent sind. Das ergibt sich schlicht
daraus, dass Jesus Christus selbst nicht für sich gelebt hat, sondern sein ganzes
Leben für andere, für die ganze Menschheit eingesetzt hat. Deswegen kann es bei
uns nicht anders sein. Jesus selbst lädt uns dazu ein, aus aller Selbstreferenzialität,
also dem Kreisen um sich selbst, heraus in das Engagement für die anderen zu
kommen – egal, ob sie zu unserer Kirche gehören oder nicht. Man könnte noch
umfassender sagen: Die Kirche ist von ihrem Wesen her immer extrovertiert. Es
gibt sie für die anderen, für die Welt, für die Menschheit und nicht zum Selbst
erhalt. Wir dürfen den Menschen Gutes tun. Wir sind gerufen, das Leben der Welt
schöner zu machen, die Schöpfung zu erhalten, uns für Recht und Gerechtigkeit
einzusetzen, Menschen bei ihrer Suche nach Sinn zu begleiten und von der Schön
heit unseres Glaubens mitzuteilen oder einfach nur in der Stille für sie da zu sein
und manches mit ihnen zu tragen oder auszuhalten. Die vielen Heiligen, gerade die
„Heiligen von nebenan“ (Papst Franziskus) zeigen uns im Laufe der Geschichte, wie
kreativ und einfallsreich man dabei sein kann. In ihrer ganzen Unterschiedlichkeit
bringen sie zum Ausdruck, dass die Proexistenz Freude macht und Freude schenkt.
Das FüranderedaSein verbirgt sich auch hinter dem Begriff Sendung bzw. Mission.
Mission leitet sich ab vom lateinischen „mittere, missio“, was „senden, Sendung“ bedeutet.
Jesus selbst hat seinen Jüngern immer wieder aufgetragen: „Geht – geht hinaus in die
ganze Welt“ (vgl. Mk 6,7 oder Mt 28,16 ff). An diese missionarische Dimension werden
die Gläubigen am Ende jeder heiligen Messe erinnert, wenn der Diakon „Gehet hin in
Frieden“ ruft. Auf Lateinisch „Ite, missa est“ – „Geht, ihr seid gesandt!“
Da unser Erzbistum das flächenmäßig größte in Deutschland ist, bieten sich in
Mecklen burg, SchleswigHolstein und Hamburg genügend missionarische Felder.
War der Begriff lange Jahre belastet, wird er heute in der Theologie wieder verstärkt
benutzt. Die missionarische Dimension geht nämlich auf Jesus Christus zurück.
Vielleicht muss man noch genauer sagen: Sie hat ihren Ursprung im Wesen Gottes
selbst. Gott ist missionarisch. In ihm gibt es ein lebendiges Hin und Her zwischen
Vater und Sohn in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes. In der Menschwerdung
Gottes in Jesus Christus hat Gott die größte und bedeutendste Missionsreise auf
sich genommen, die es überhaupt gibt: Er ist zu uns Menschen aufgebrochen.
Ohne diese göttliche Mission wäre der Glaube bei uns Menschen niemals ange
kommen. Alle, die an ihn glauben, stehen in der Verpflichtung, Zeugen für seine
göttliche Liebe zu sein, zuallererst durch ein proexistentes Leben.
Sendung und Sammlung, SeSam – unter dieser Überschrift befassen wir uns seit
über einem Jahr auf verschiedenen Ebenen in unserem Erzbistum mit großen Ver
änderungen. Mit unserem SeSamProjekt wollen wir die anstehenden Herausfor
derungen aktiv gestalten und nicht einfach über uns ergehen lassen. Wir können
absehen, dass die Zahlen der hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger, aber
auch unsere finanziellen Spielräume kleiner werden. Aus vielen Gemeinden weiß
ich, wie schwer es ist, Ehrenamtliche und Engagierte zu finden, die das Gemeinde
leben weitertragen. Des wegen möchte ich allen ausdrücklich und herzlich danken,
die in den verschiedenen Gremien, in der Katechese, in Diensten der Gemeinde
und für den Gottesdienst, bei den Ministranten und in der Jugendarbeit, in der
Kirchenmusik und in anderen Bereichen einen persönlichen Beitrag für die Orts
gemeinde oder das Erzbistum leisten und für so viele da sind. Ihnen allen ein herz-
liches Vergelt’s Gott!
An dieser Stelle ist mir wichtig, unsere Sendung konkret zu machen. Lassen Sie
mich einige direkte Fragen stellen, die sich jede und jeder zu Herzen nehmen
kann: Zu wem fühle ich mich gesandt? Wem könnte ich hilfreich zur Seite stehen?
Auf welche Weise? Wo wartet jemand auf ein Zeichen der Nähe und Beziehung?
Was könnten wir in unserer Gemeinde gemeinsam angehen, z. B. alte Menschen
besuchen oder Einsame? Gerade unter den Letztgenannten gibt es auch viele Jün-
gere. Wo sehen wir in unserem Stadtteil eine Not, die dringend einer Antwort be-
darf? Wenn unsere Kräfte klein sind – was liegt dennoch im Rahmen unserer
Möglichkeiten und wo brauchen wir Verbündete? Jesus hat seine Jünger meist zu
zweit aus gesandt; das kann auch heute sehr bestärkend sein. Vielleicht helfen die
se Fragen, um unserer Sendung als Christen auf die Spur zu kommen. Vielleicht
hilft es aber auch, sich darüber auszutauschen, wer bereits unterwegs ist und so
die Sendung lebt.
SeSam – Sendung und Sammlung. In der Theologie der letzten Jahrzehnte wurde
vor allem das Stichwort der Sammlung meist mit dem lateinischen Begriff
communio stärker betont. Dabei denken wir gewiss beim Hören schnell an die
Kommunion. Der Empfang des Leibes und Blutes Christi ist die tiefste Basis für un
ser geschwisterliches Miteinander. Indem wir Anteil an Jesus Christus bekommen,
bildet sich die Gemeinschaft der Kirche. Die Eucharistie ist insofern kirchenbildend,
und von hier aus werden wir ausgesendet. Wir sind nicht Kirche aus unseren eige-
nen Kräften und Möglichkeiten, wir können Kirche nie selbst machen. Je tiefer wir
mit Christus verbunden sind, umso mehr sind wir es untereinander.
Wenn wir in Zukunft leider nicht mehr so häufig die Eucharistie feiern können oder
die Wege zu einer Messfeier weiter werden, dann liegt mir sehr daran, dass wir uns
trotzdem regelmäßig zu Gebet und Gottesdienst versammeln. Das können inten
siv vorbereitete WortGottesFeiern sein, das können Zeiten der stillen Anbetung
sein, das kann in der Fastenzeit das Gebet des Kreuzweges sein. Als weitere Gebets-
formen gehören für mich der Rosenkranz oder das meditative TaizéGebet dazu.
Wie gut ist es, wenn Haus oder Familienkreise zusammenkommen und mit Gebet
oder Bibellesung beginnen oder schließen!
Sich senden lassen und sich sammeln und Gemeinschaft leben aus dem Gebet –
diese beiden Pole gehören eng zusammen. Daher gefällt mir, dass das SeSam
Projekt als „Fahrplan“ 1, als Linienplan dargestellt ist. Alle wichtigen Punkte sind als
miteinander verbundene Haltestellen abgebildet; sechs Oberthemen sind wie
Bahnlinien dargestellt. Es ist ein schönes Bild dafür, dass wir – wie im ÖPNV –
gemeinsam auf dem Weg sind. Ähnlich wie man sich in einer Großstadt erst orien-
tieren muss und sich mit dem Verkehrsnetz vertraut macht, so ist es nun an uns,
uns mit dem „Fahrplan“ für die Zukunft unseres Erzbistums Hamburg vertraut zu
machen. Ich weiß, dass die aktuellen Entwicklungen rund um SeSam manchem
Angst und Sorge bereiten. Lassen Sie uns gemeinsam fahren – es ist Platz für alle
und niemand muss diese Reise allein antreten. Meine Bitte ist daher, dass wir ge-
meinsam und mutig losziehen – wie Ansgar, unser erster Bischof, auf seiner Reise
nach Skandinavien, die sich in diesem Jahr zum 1.200sten Mal jährt. Seien wir für
einander da als Christen, die – so wie es uns auch Ansgar gezeigt hat – die Pro-
existenz leben, indem sie sich missionarisch und mutig senden lassen.
Ihr Erzbischof Dr. Stefan Heße